FRANK W. WEBER Kurator Stadtgalerie “Kunst-Geschoss” Werder, Laudatio zur Ausstellung “Intuition und Komposition, Leinwand und Stahl” Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Heike Cybulski, Als Kurator einer gut laufenden Galerie habe ich einen ziemlich guten Überblick über das Kunstgeschehen und Kunstschaffen in unserer Region, im Land und auch international. Oftmals stelle ich Ausstellungen zusammen mit Künstlern, die sich im Raum ergänzen. Malerei oder Grafik mit Plastik, Objektkunst mit Fotografie, Grafik mit Keramik usw.. In allen Fällen haben wir es mit zwei Künstlern oder Künstlerinnen zu tun. Sie haben hier in der Neuen Galerie in der Bücherstadt Wünsdorf den absoluten Vorzug, Malerei und Stahlplastik aus einer Hand zeigen, ja erleben zu können. Aus einer weiblichen Hand noch dazu, das möchte ich im Bezug auf das Wort Stahl unbedingt anmerken. Intuition und Komposition Heike Cybulskis bildnerischen Werke entstehen aus der inneren Gefühlswelt der Künstlerin, wir können es ruhig als Bauchgefühl bezeichnen. Beim Bauchgefühl sind wir uns sicher, können den Verstand ausschalten und eben aus dem Bauch heraus dem Handeln freien Lauf geben. Die Farben der Künstlerin sind in den wenigsten Fällen als gedeckt zu bezeichnen, sie liebt die hellen, die sonnigen, die frischen Farben erster höchstens zweiter Ordnung. Wenn Sie sich hier in den Räumen der Galerie umsehen, haben sie eine Vielzahl von farblichen Kompositionen mit der lasierten Farbe Gelb. Diese Farbe erweckt Gefühle von Lebensfreude, Lebenskraft, Fröhlichkeit, Frische und Sonnenwärme. Hier treffen sich Künstlerin und Rezipient, und bei beiden treffen Intuitionen sprich Bauchgefühle aufeinander und gehen Sympathien ein. Die Bildwelt von Heike Cybulski erschließt sich über die Farben. Sagen wir ruhig, die eben genannte Sympathie des Betrachters oder der Betrachterin ist der Schlüssel zur Bildwelt. Wie in der Abstraktion, die sich ganz ohne Verstand, rein über die Farbe und Komposition wahrnehmen lässt finden wir den Einstieg in die Malerei von Heike Cybulski. Nur, die Künstlerin bringt die Abstraktion in anschauliche Formen.  Sie hat einen, in sich fließenden Übergang zur konkreten Bildsprache entwickelt. Konkret ist hier in den meisten Fällen eine mehr oder weniger aufgelöste waagerechte Linie, die im farblichen Kontrast steht. Unweigerlich erscheint die Waagerechte als Horizont und die Abstraktion löst sich in einer ruhigen und meditativen Landschaft auf. Räumlichkeit entwickelt sie durch kompositorisches Hinzufügen anderer Flächen und grafischer Elemente. Exemplarisch möchte ich sie hier im Raum auf das Gemälde „Lichtblick“ hinweisen. In den meisten Fällen arbeitet die Künstlerin in der Bildgestalt des Diptychons und Triptychons. Das zeitgleiche arbeiten auf zwei oder drei aneinander gereihten Leinwänden hindert nicht ihren Arbeitsfluss. Interessant wird es, wenn die Bilder in der Präsentation dann um wenige Zentimeter oder gar räumlich getrennt präsentiert werden. Das Spontane verliert sich und es entsteht der Eindruck eines Konzeptes über mehrere Bildträger hinweg. Das Konzeptionelle widerspricht in der Regel der Intuition. Wir können die Betrachtung der Bilder von Heike Cybulski mit zwei interessanten Thesen abschließen: 1. wir reden von konzeptioneller Intuition 2. wir reden von konkreter komponierter Abstraktion Beide Thesen bilden einen wunderbaren Schlüssel zur sinnlichen Betrachtung ihrer Gemälde. Ja, dann haben wir hier noch die andere Heike Cybulski. Ich habe ganz bewusst den Einstieg in die Laudatio mit der Ergänzung von Künstlern in meiner kuratorischen Tätigkeit erwähnt. Seit etwa 2007 hat sie die Stahlplastik für sich entdeckt. Nach eigenen Worten hebt sich das Bedürfnis nach musischer Atmosphäre in dieser plastischen Arbeit auf. Das ist leicht verständlich, denn die Ausgangssituation ist eine andere. Das Material ist schwer, das Arbeitsmilieu ist laut und dreckig. Einige Plastiken wiegen fast 100 kg. Ausgangsmaterial sind industrielle Form- und Stanzstücke, die die Künstlerin bei ausgesuchten Metallbaufirmen und Schrotthändlern aufspürt. Handwerkzeug sind Schweißbrenner, Trenn- und Schleifscheibe - in den Händen einer Frau. Wie in einem konstruktiven Baukasten verwendet die Künstlerin vorgefundene Bauteile und komponiert diese an- und zueinander. Die Limitierung der Fundstücke lässt nur Unikate entstehen. Die physikalische Leichtigkeit und bildliche Unschärfe der Malerei ist hier zu Gunsten konkreter Formensprache komplett aufgehoben. Die Intuition steht hier eher neben der Komposition, verliert sich aber nicht, denn die Intuition führt sie immer wieder zu figürlichen Plastiken, zu meist in Form weiblicher Figuration oder Kleinplastik in Büstengestalt zurück. In einigen Fällen bringt Heike Cybulski ergänzend Holzfundstücke ein, die ihrem gewollten Ausdruck behilflich aber nicht dominierend sind, wie zum Beispiel in der Plastik „Doro“. Die Künstlerin bezeichnet ihre Stahlplastiken augenzwinkernd als Diven. Ja, sie kommen mit graziler Bewegung daher. Die konstruktiven Freiräume des Ausgangsmaterials schaffen Eleganz, unterstreichen das Grazile und heben die Schwere des Materials auf. Hier entstehen formale Verbindungen zur Leichtigkeit in der Malerei von Heike Cybulski. Ihre Diven verlangen räumliche Beachtung, die ihnen hier in der Galerie geboten wird. Wir werden hier an bereits geschaffenes erinnert, exemplarisch nenne ich Vogel, Mondsüchtig und Microbe von Max Ernst. Heike Cybulski zeigt aber eine ausgeprägte eigene Formensprache, von der man in den nunmehr vergangenen sieben Jahren mit Gewissheit reden kann. Abschließend möchte ich noch ein mal feststellen, die bildliche Unschärfe in der Malerei hebt sich in der konkreten Formensprache der Stahlplastiken auf. Dieser Zweiklang macht die Künstlerin Heike Cybulski interessant, davon können Sie sich hier in der Ausstellung selbst einen Eindruck verschaffen und ich hoffe, Ihnen einen verständlichen und interessanten Schlüssel zur Interpretation gegeben zu haben. Ich wünsche der Künstlerin einen erfolgreichen Verlauf ihrer Ausstellung und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Frank W. Weber, Kurator der Stadtgalerie KUNST-GESCHOSS in Werder (Havel) Laudatio und Werkseinführung, gehalten zur Vernissage am 24.1.2015, Neue Galerie - Bücherstadt Wünsdorf       << zurück
   GEROLD PAUL, Potsdamer Neueste Nachrichten - “Lichtblick in der Schinkelkirche”     Werder (Havel) - Ohne Horizont ist alles nichts im Leben, außen wie innen. Piloten verfliegen sich hoffnungslos, wenn er fehlt, auch andere menschliche Taten gelingen nicht mehr kurzum: ohne ihn schlägt man einfach fehl im Leben. Den alten Ägyptern war er besonders wichtig, weil dort, wo er ist, stets die Sonne aufgeht. Nun stammt die begnadete Malerin und Stahlbildhauerin Heike Cybulski zwar nicht vom Nil, sondern aus Jena, wo sie 1969 geboren ist. Trotzdem versteht sie eine Menge von Horizonten und anderen Lichtblicken, wie die derzeitige Ausstellung ihrer Werke in Petzows Schinkelkirche auf dem Grelle-Hügel beweist. Sie trägt ihre eigenen „Lichtblicke“ nicht umsonst im Titel, auch eine mehr oder weniger imaginäre Trennlinie zwischen „oben und unten“ beziehungsweise „innen und außen“ findet sich in jedem ihrer Bilder. Sogar bei „Ich brauch Meerblau“, wo eigentlich alles irgendwie blau ist: Ein Hauch anders ist diese Farbe aber als unter dem Horizont, und genau auf der Horizontlinie deuten filigrane Kreuze eine menschliche Lebenszone an, vielleicht einen Hafen, oder einen Soldatenfriedhof. Was steht einem hier als Einzelbild, als genial gefügter Dip- oder Triptychon vor Augen? Die Titel erzählen von Sonnenfeld und Sommerland, von „Süßer Illusion“ oder von einem „anderen Weg“, auch verpasst sich die Malerin selbst ein Trostpflaster, zum Beispiel „da wo du bist“, oder im rätselhaften „Sedjedo“. Man hat es hier mit Landschaften zu tun, die sowohl innen als auch außen sein können. Momentaufnahmen, als Lichtblicke verstanden, durchweg im hellen, erhellenden Trend. Angesichts der raffiniert entworfenen und farblich kongenial gestalteten Bilder wollte man gern Goethes ganz andere Farbenlehre bemühen. Dies freilich nicht besonders figurativ, eher als Assoziation mancher Tiefe. Heike Cybulski hat die Fähigkeit, das Abstrakte in eine sehr anschauliche Form zu bringen, je weiter der Betrachter vom Bildwerk abrückt. Sie verwendet helle Mischfarben, Weiß und Gelb in mehreren Schattierungen, tönt aber auch Braun- und Grautöne warm ab. Eine Unschärfe ist natürlich immer dabei. Anders als bei der früheren Serie „im Wald“ wurde der Pinsel für die neuen Bilder im Wortsinn „horizontal“ geführt. Die Linien bleiben dennoch dynamisch, sie sind mal gestuft, mal laufen sie aneinander vorbei, oder sie verlieren sich – am Horizont. Vertikale Kraftlinien und steinähnliche Einsprengsel, die wieder „Lichtblicke“ bringen, geben auf kunstvolle Weise den antagonistischen Teil dieses Spiels. So setzen sich die Lichtblicke von Heike Cybulski also zusammen. Harmonische Virulenzen, virulente Harmonien, Zustände, Stimmungen, Gefühle aus dem Standort Borkwalde, alles sehr feminin gedacht und ausgeführt. Wie ähnlich, wie anders drückt sich die Innerlichkeit dieser Künstlerin in ihren stählernen Skulpturen als hier in der Malkunst aus. Ruhe kommt hier aus der Kraft, die Kraft aus der Ruhe. Bildnerische Unschärfe ist hier Ausdruck und Schutz. Viel Licht, viel Helle, viele unsichtbare Sonnen sind in diesen Bildern - überm und unter dem Horizont, sogar in „da wo du bist“, wo zwei Königskinder einer tiefen Schlucht zu trotzen haben. Entweder hat dies ein sehr fröhlicher oder ein tief trauriger Mensch gemalt, im Reich von Sonnenfeld und Sommerland, die er erreichte, oder von ferne her sah. Der Mensch öffnet sich dem Betrachter als Künstler. Gäbe es den Horizont dabei nicht, wäre alles nur nichts. „Schick!“, fand eine ältere Dame diese Schau in der hellen Kirche. Lichtblicke überall. << zurück   Gerold Paul PNN- Potsdamer Neueste Nachrichten erschienen am 08.07.2014